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Die Vermenschlichung Gottes oder: Wer hat eigentlich wen erschaffen?   - jugend-mittendrin.de

Die Vermenschlichung Gottes oder: Wer hat eigentlich wen erschaffen?

(17.07.2011)

Im Rahmen der Reihe "Wer ist eigentlich Gott?" für Dich? folgt eine ausführliche Abhandlung mit wissenschaftlichem Gedankengut.

Oft wird die Frage gestellt: Wenn es den allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott gibt – wie sind angesichts dessen die oft gravierenden Übel in der Welt wie Krankheit, Krieg, Hungersnot etc. überhaupt möglich. Anders formuliert: Wenn es (den in der Bibel beschriebenen) Gott wirklich gibt – warum greift er nicht im Sinne einer umfassenden Korrektur ein?

© chesterF - Fotolia.com

Diese und die sich daraus ergebenden Fragestellungen beschäftigen die 

Menschen, und unter ihnen besonders die Theologen und Philosophen, so sehr, dass es dafür eine spezielle Bezeichnung gibt: Theodizee. Die Begriffsschöpfung geht auf das deutsche Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibnitz zurück. Die wesentlichen Wortbestandteile bedeuten im Griechischen soviel wie „Gott“ und „Gerechtigkeit“.

Dieser Beitrag hat nicht zum Ziel, das Theodizee-Problem umfassend 

darzustellen und die bisher unternommenen Lösungsvorschläge eingehend zu analysieren. Dies ist vielfach und auf höchstem wissenschaftlichem Niveau unternommen worden, so dass hieran auch kein vordringlicher Bedarf besteht. Zumal die wesentlichen Lösungsansätze alle etwas haben, was für sie spricht und gleichzeitig auch wieder dagegen. Hinzu kommt die a priori zu vermutende Gefahr einer zirkulären Argumentation.

Hier geht es vielmehr darum auf ein Grundsatzproblem in der Mensch-Gott- B

eziehung (nicht jedoch in der Gott-Mensch-Beziehung) hinzuweisen, aus dem sich unter anderem auch Fragestellungen ergeben wie beispielsweise jene der Theodizee. Das Problem lässt sich ganz einfach auf den Punkt bringen, indem eine Aussage aus dem biblischen Schöpfungsmythos schlicht umgedreht wird:

„Und der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde.“

Jeder weiß oder sollte zumindest sinngemäß wissen, wie es eigentlich richtig heißt: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde […].“ (Gen. 1, 27; LÜ 1984). Es wird hier nicht unterstellt, dass Gott nur ein Produkt menschlicher Phantasie ist, erdacht von pfiffigen Römern, die dann die katholische Kirche gegründet haben oder ähnliches. Die zentrale Prämisse für die folgenden Ausführungen lautet: Es gibt Gott.

Aber er ist anders als wir ihn uns vorstellen. Gott wird sonst 

schnell, und in diesem spezifischen Zusammenhang ist dem Religionskritiker Ludwig Feuerbach beizupflichten, zu einer Projektion menschlicher Träume und Wünsche.

Das Problem, um das es hier gehen soll, hat den etwas schwierigen Namen Anthropomorphismus. Darunter versteht man die Neigung Phänomenen der sonstigen Natur menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Zeigt beispielsweise ein Schimpanse mit auseinander gezogenen Lippen seine Zähne, wird dies gerne als Grinsen ausgelegt (in Wahrheit soll die Geste einen Gegner einschüchtern und vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff warnen). Ein weiteres Beispiel ist der berühmte Mann im Mond. Diese Neigung hat auch vor Gottheiten keinen Halt gemacht. Die alten Griechen schrieben ihren Göttern zahlreiche menschliche Eigenschaften zu, auch negative.

Jedoch ist auch der „christliche Gott“ von dieser Neigung betroffen. Darum und um die daraus resultierenden Probleme geht es in diesem Beitrag.

Eine Vorüberlegung ist an dieser Stelle notwendig. Man könnte ja versucht sein zu fragen, ob nicht, wenn der Mensch zum Bilde Gottes erschaffen ist, vom Menschen ausgehend nicht auch gewisse Rückschlüsse auf die Eigenschaften Gottes zulässig sind. Dies kann man ebenso bejahen wie verneinen. Es hängt davon ab, welche Eigenschaften des Menschen wiederum als gottesebenbildlich anzusehen sind. Eine morphologische Ebenbildlichkeit darf wohl am ehesten verneint werden. Dies scheitert schon offenkundig an der Dreifaltigkeit Gottes. Übrigens: Wer hat das Konzept der Dreifaltigkeit wirklich verstanden? Kann man das überhaupt durchdringen?

Eines dieser Elemente des dreifaltigen Gottes, Christus Jesus, ist Mensch geworden. Es hat also eines Werdungsprozesses bedurft. Maria war mit Jesus schwanger, er wurde geboren, ist aufgewachsen usw. Um also als Mensch zu erscheinen war gleichsam ein Transformationsprozess notwendig. Christus ist nicht in einem Lichtblitz erschienen und war dann da, sondern er wurde auf menschliche Weise zum Menschen. Hinzu kommt die folgende Überlegung: Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen auf äußere Merkmale zu beziehen würde jenes Merkmal, das den Menschen aus der übrigen Schöpfung hervorhebt, eben jene Gottesebenbildlichkeit, auf eine völlig banale Ebene ziehen. Eine Reduzierung auf Äußerlichkeiten oder ihre Einordnung als zumindest zentrales Merkmal würde auch die Menschen von der Teilhabe an der Ebenbildlichkeit zu Gott ausschließen, die unter schwerwiegenden Beeinträchtigungen leiden, körperlicher wie auch geistiger Art.

Die mit der Gottesebenbildlichkeit verknüpften Attribute stellen notwendigerweise Typenmerkmale und keine individuellen Eigenschaften dar. Diese nun alle aufzuzählen würde zu weit führen und sicher der Rüge der Unvollständigkeit berechtigt ausgesetzt sein. Deshalb soll dies auf einige zentrale Merkmale beschränkt werden. Da wäre die Würde des Menschen, die sich im Wesentlichen als seine Vernunftbegabung darstellt. Auf der einfachsten Ebene bedeutet dies, dass der Mensch zu höheren Einsichten fähig ist und damit im Kollisionsfall sogar gegen sein biologisches Programm handeln kann. Auf einer höheren Ebene folgt daraus seine Fähigkeit zu einer ungeheuren geistigen und sozialen Entwicklung. Dabei kommt es zunächst nicht darauf an, ob diese Potentiale tatsächlich realisiert werden; die Gottesebenbildlichkeit darf insofern als die Summe der Potentiale und das höchste Potential zugleich angesehen werden. Allerdings: Wer, obwohl dazu individuell in der Lage, die Realisierung dieser Potentiale unterlässt, fällt von der vernünftigen Ordnung ab und mithin in die Sünde.

Mit der Stellung als Bild Gottes ist also eine aktiv wahrzunehmende Aufgabe verbunden. Es kommt dazu, dass der Mensch Träger einer unsterblichen Seele ist. Seine Daseinszeit geht demnach selbst über kosmische Maßstäbe hinaus. Um eine Aufblähung zu vermeiden, soll es bei diesen Attributen bleiben. Beide sind zentrale Elemente der Gottesebenbildlichkeit. Die Unsterblichkeit deshalb, weil Gott selbst ewig ist. Das Sein des Menschen weist über die materielle Existenz hinaus.

Unter den hier zur Vermeidung von Missverständnissen ausführlich dargestellten Prämissen sind Rückschlüsse auf Eigenschaften Gottes möglich. Am Ende dieser Überlegungen steht Gott als Inbegriff des Höchstmaßes einer vernünftigen Ordnung.

Ein Sprung zu einer der denkwürdigsten Aussagen des Neuen Testaments führt an den Anfang des Johannesevangeliums. Dort heißt es gleich im ersten Vers des ersten Kapitels (LÜ 1984): „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ An dieser Stelle gilt es inne zu halten. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen“, stellt schon Goethes tragische Figur Faust beim Versuch fest, eben diese Stelle zu übersetzen. Zwischen Wort, Sinn, Kraft und Tat entscheidet sich Faust dann für die Tat. Diese Textstelle wird nicht unbedingt zugänglicher, wenn man die vielfältigen Übersetzungsvorschläge bemüht. Der darin liegende Sinn wird dabei nur verkürzt wiedergegeben, also: „Im Anfang war der Logos [...] und Gott war der Logos.“ Wobei man sich hier auch mal Gedanken über die Verwendung des korrekten Tempus machen könnte. Logos bedeutet in diesem Zusammenhang – und dies hilft aus der sprachlichen Zirkularität heraus – nach Papst Benedikt XVI.: „Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann.“

Der nächste gedankliche Schritt führt ganz an den Anfang der Heiligen Schrift. Dort gibt es zwei Offenbarungen Gottes. Die erste und unmittelbarste Offenbarung finden wir im Schöpfungsakt selbst. Ob Gott dabei nun den Urknall gezündet, die Erde aus Knetmasse erschaffen oder auf andere Weise gewirkt hat, ist hier ohne Belang, auch wenn es natürlich keineswegs belanglos ist. Tatsache ist hier, dass er hier seine Allmacht in einem wahrlich kosmischen Maßstab zeigt. Diese kosmische Machtdemonstration gipfelt schließlich in der Erschaffung des Menschen, die damit zugleich Zeugnis göttlicher Zuwendung ist. Man stelle sich das einmal vor: Die Manifestation kosmischer Urkraft ist philanthrop.

Der schwierige Teil dieses Exkurses ins Alte Testament ist ein anderer. Es geht um jene fast schon surreale Begebenheit, in der Gott Moses in einem brennenden Busch erscheint. Nachdem Moses seinen Auftrag von Gott erhalten hat, möchte er doch wissen, wer da aus dem brennenden Busch zu ihm spricht. Die Antwort Gottes könnte in ihrem ersten Teil kaum kryptischer sein: „Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich werde sein‘, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3, 14; LÜ 1984) Diese Passage wird teilweise sehr unterschiedlich übersetzt. In der Einheitsübersetzung stellt sich Gott mit den Worten vor: „Ich bin der‚ ich bin da‘.“ Unter maximaler Ausnutzung interpretatorischer Freiräume könnte man hierin sogar einen ersten Hinweis auf die Dreifaltigkeit Gottes vermuten. Auch wenn Gott dann gegenüber Moses in Form einer Darlegung seiner Kontinuität etwas konkreter wird, erscheint Gott hier als geheimnisvoll.

Die Bibel enthält zahllose weitere Hinweise auf Gott und seine Eigenschaften. Ihre Beachtung und umsichtige Auslegung kann eine weitere Annäherung an Gott ermöglichen, weitere Eigenschaften können entdeckt werden.

Würde man – worauf hier verzichtet wird – den Versuch wagen, den Gott des Alten und den des Neuen Testaments einander anhand ausgewählter Bibelzitate gegenüber zu stellen, so würde man zumindest zwei anscheinend sehr unterschiedliche Gottestypen vorfinden. Indes muss berücksichtigt werden, dass das Neue Testament historisch umfassend von dem großen Versöhnungsprojekt Gottes berichtet: Von der Geburt Christi über sein Leben, dessen Höhepunkt der Tod am Kreuz war, bis hin zu seiner Himmelfahrt und der Sendung des Heiligen Geistes. Anders als der im Alten Testament beschriebene Gott tritt er im Neuen Testament unter völlig anderen Prämissen auf. Gott ist geblieben, er hat jedoch in seiner bedeutungsvollsten Entscheidung seit der Schöpfung die Vorbedingungen geändert, unter denen er den Menschen gegenüber tritt.

Leider stützt sich das in den Kirchen vermittelte Gottesbild nicht auf die Aussagen über Gott als dem Menschen zugewandte kosmische Urgewalt. Beständig wird Gott einer Vermenschlichung unterzogen. Häufigster Tatort: Kanzeln und Altäre; genau dort also, wo man es eigentlich besser wissen sollte. Da hat Gott dieses und jenes zugelassen, da machen bestimmte Verhaltensweisen Gott traurig, andere machen ihn fröhlich (angeblich ist Gott dann besonders glücklich, wenn er, selbstverständlich vermittelt durch die Kirchen, finanzielle Zuwendungen erhält).

Neben der Tatsache, dass Gott menschliche Empfindungen zugeschrieben werden und damit auf geradezu groteske Weise eine Banalisierung erfährt, wird er auch für praktisch alles verantwortlich gemacht, was in der Welt schief läuft. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird er als eine zulassende Instanz in die Verantwortung genommen. Er hätte ja auch verhindernd oder korrigierend eingreifen können.

Viele Vorgänge und Ereignisse in der Welt stellen sich bei genauerer Betrachtung als unmittelbare oder zumindest mittelbare Folge des Gebrauchs des freien Willens dar. Kriege beispielsweise entstehen nicht, „weil Gott das will“, sondern, weil menschliche Entscheidungen und Prozesse dazu führen. Natürlich könnte man Fragen: Obliegt Gott nicht eine Art Garantenpflicht zumindest für die unschuldigen Menschen. Mal davon abgesehen, dass Gott dabei an einem menschlichen Maßstab gemessen wird: Wäre es nicht in wahrscheinlich der Mehrzahl der Fälle so, dass ein göttliches Eingreifen zum Wohle des einen Menschen gleichzeitig einen Eingriff zu Lasten eines anderen Menschen darstellen würde?

Oft tragen Menschen konkurrierende oder gar gegenläufige Bitten an Gott heran. Einfache Beispiele hierzu: Das Gebet des Jugendleiters um Sonnenschein am Samstag kann mit der Bitte des Landwirts um den dringend benötigte Regen konkurrieren. Und auch die Anhänger der Fußballklubs aus Karlsruhe und Hoffenheim haben vor der Begegnung auf dem Platz unterschiedliche Wünsche. Was soll denn Gott da machen?

Viele Konflikte um und mit Gott resultieren aus unbefriedigten materiellen Wünschen oder vermeintlich mangelnder Abhilfe in materieller Not. Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes wird schnell gestellt. Dabei kann die Frage schon in menschlichen Zusammenhängen praktisch nie im Konsens beantwortet werden. Geht es um Leistungsgerechtigkeit oder Verteilungsgerechtigkeit? Kann beides in Einklang gebracht werden? Auch wenn in diesen Bereichen, was praktisch unmöglich ist, mehr Einigkeit herrschen würde, liefe dies nur darauf hinaus, göttliches Handeln am menschlichen Gerechtigkeitsmaßstab zu messen. Gott hat den Menschen in komplexe soziale Zusammenhänge hineingestellt. Sich selbst anstrengen, sich auch mal durchsetzen müssen, gehört einfach dazu.

In diesem weiteren Kontext ist ein weiteres Problem zu beobachten: Wie viele der an Gott herangetragenen Probleme haben Ewigkeitsperspektive? Meistens geht es doch um materielle, allein im zeitlichen Dasein relevante, Sachverhalte. Dabei muss doch davon ausgegangen werden, dass sich menschliches und göttliches „Problembewusstsein“ fundamental, gleichsam „naturgemäß“, voneinander unterscheiden.

All dies könnte im Ergebnis darauf hinauslaufen eine deistische Position einzunehmen. Vertreter des Deismus gehen davon aus, dass es zwar einen Gott gibt, dieser sich jedoch nach der Schöpfung nicht mehr in die Belange des materiellen Daseins einmischt. Diese Position hat zwei bequeme Aspekte. Zum einen stellt man sich damit nicht auf eine atheistische Position, mit der man die Existenz Gottes verneinen müsste, zum anderen ist damit im und gerade als Grundsatz die Annahme zulässig, dass Gott dem Geschehen in der Welt gleichsam indifferent gegenüber steht und nicht eingreift. Diese deistische Position entbehrt nicht einer gewissen Plausibilität. Unter anderem deshalb wird sie auch gerne als Lösung für die eingangs angesprochene Theodizee-Problematik gewählt.

Nun widerspricht dies aber den Evangelien. Zu deren zentraler Botschaft gehört gerade die von der Einmischung Gottes. Hinzu kommt in der Gestalt von Christus Jesus die unmittelbare Interaktion mit den Menschen jener Zeit und Region. Und der Sohn Gottes stand dem Leid seiner Mitmenschen auch keinesfalls indifferent gegenüber. Wo er es für angezeigt gehalten hat, dort hat er geholfen. Von der Heilung Aussätziger bis hin zur Auferweckung des Lazarus sind die Beispiele vielfältig. Und die damit verbundene Botschaft ist deutlich: Gott greift ein.

Das ist es. Er greift ein. Allerdings sind die Umstände, Wirkweisen, etc. seines Eingreifens unergründlich. Bei Problemen ist es nahe liegend anzunehmen (es kann aber auch ganz anders sein), dass er den Menschen erst mal selbst eine Lösung entwickeln lässt. Warum auch nicht? Schließlich ist der Mensch Gottes Ebenbild, mithin von göttlicher Natur (!), folglich zur Vernunft befähigt und mit einem umfassenden Problemlösungsbewusstsein ausgestattet. Hier ist die Offenheit für göttliche Impulse entscheidend. In bestimmten Fällen entscheidet er sich – vielleicht – auch für eine direktere Vorgehensweise. Wer um Hilfe und Beistand bittet muss sich aber einer Tatsache bewusst sein: Gottes Maßstab ist ein fundamental anderer und sein unmittelbares Eingreifen ist subsidiär.

Hinsichtlich dieses göttlichen Maßstabes wäre eigentlich die Verwendung des Plural angemessen. Denn normalerweise – wenn man Gott um Hilfe bittet – hat das menschliche Hilfsersuchen zwei wesentliche Komponenten: Eine Problembeschreibung und einen Lösungsvorschlag. Beides kann sehr allgemein gehalten sein („Ich habe ein Problem“ – „Hilf mir“) oder auch konkret. Egal wie man es aber im Gebet formuliert: Die Abläufe vor dem geistigen Auge sind in der Regel doch sehr genau. Das Problem ist bekannt und wie die Lösung (mindestens) aussehen sollte eigentlich auch. Nun stellt sich die Frage der Übereinstimmung: Ist das Problem auch nach dem Maßstab Gottes ein Problem? Ist die vorgestellte Lösung verhältnismäßig? Dabei insbesondere: Wird dadurch einem anderen eventuell geschadet? Diese Fragen können nicht immer beantwortet werden. Sie zu stellen hilft aber dabei, den eigenen Maßstab um überindividuelle Gesichtspunkte zu erweitern und damit Problem wie Lösung einer Art ersten Evidenzkontrolle zu unterwerfen.

Alle diese Überlegungen führen hin zu einem Gottesbild, das möglicherweise etwas ungewohnt ist. Immerhin ist personale Gottesvorstellung Teil religiöser Alltagspraxis und im Islam und Judentum vermutlich ausgeprägter als im Christentum. Das bedeutet nicht, dass Gott keine Persönlichkeit hat. Aber sie in ihrer Komplexität zu erfassen übersteigt wahrscheinlich die Möglichkeiten des menschlichen Geistes. Diese Tatsache gilt es zu akzeptieren. Sie berechtigt aber nicht dazu, Gott zu „vereinfachen“, oder eben zu „vermenschlichen“. Die wahre Natur des Göttlichen wird dadurch verschleiert und der Zugang zu Gott erschwert.

Die Veränderung des Gottesbildes weg von der Vorstellung eines konkreten Gegenübers mit quasi-menschlichen Zügen hat praktische Konsequenzen für die Kommunikation zwischen uns Menschen und Gott. Das Gebet ist dann stärker auf Reflexion, auch der eigenen Möglichkeiten ausgerichtet. Die Demut nimmt zu, wenn man sich des Umstandes bewusst wird, dass man nicht einer Art Person mit der Fähigkeit „Allmacht“ gegenüber tritt, sondern der Allmacht selbst.

Zusammenfassung: Die Vorstellung eines Gottes mit menschlichen Eigenschaften ist gängige Praxis, auch in Predigt und Seelsorge. Dieses Gottesbild erzeugt Missverständnisse, erschwert den Zugang zu Gott und kann bis hin zu Glaubenskrisen führen. Dieses Bild muss einer weniger konkreten und genau darum genaueren Vorstellung von Gott weichen. Maßstab hierfür müssen die zentralen Aussagen der Heiligen Schrift sein. Menschliche Projektionen, auch wenn ihr Sinn darin besteht, den christlichen Glauben einfacher und greifbarer zu machen, müssen eliminiert werden. Selbst wenn Gott als Ergebnis eines solchen Prozesses weniger greifbar und vielleicht ein Stück geheimnisvoller erscheinen mag, wird doch die Größe seines Geschenks in den Akten der Schöpfung und Versöhnung sowie seiner Zuwendung zum Menschen schlechthin nicht geschmälert sondern intensiver erlebbar und in seiner Tragweite stärker bewusst.

Steffen Liebendörfer