Ich bin OK, Du bist OK - Fortsetzung
In meinem letzten Beitrag habe ich begonnen, mich mit den Missverständnissen bei der Interpretation des christlichen Gebots der Nächstenliebe auseinander zu setzen. Nachdem der Irrtum ausgeräumt ist, dass die Einstellung „Du bist OK.“ völlige Kritiklosigkeit bedeuten würde, nehme ich mich gern der zweiten wesentlichen Fehlinterpretation an.
Hast du dich selber auf die rechte Art lieb,
so hast du alle Menschen lieb, wie dich selbst.
(Meister Eckhart)
Diese Fehlinterpretation betrifft das sich selbst Lieben. Dabei gibt es zwei scheinbar gegensätzliche Ausprägungen. Viele meinen, sich selbst zu lieben, wäre unchristlich und egoistisch.
Jedoch ist Egoismus auf keinen Fall mit Selbstliebe gleichzusetzen.
Wenn wir unseren Nächsten lieben, lieben wir einen Menschen, es gibt aber keine Definition des Menschseins, die uns selbst ausschließen würde. Laut Erich Fromm*
kann man die Achtung vor der eigenen Integrität und Einmaligkeit nicht von der Achtung, Liebe und Verständnis, das man für anderen empfindet, trennen.
„Die Liebe zu mir selbst und zu einem anderen Wesen sind untrennbar verbunden.“
Liebe ist ein echtes Interesse am Objekt, auf das sie sich richtet. Zärtlichkeit und Fürsorge sind ein Ausdruck ihrer schöpferischen Kraft. Die Liebe gibt gern, sie will nicht nur nehmen und für sich beanspruchen. All das kann und muss man unbedingt auf sich selbst richten.
Im Gegensatz zur Selbstliebe steht der Egoismus. Dieser stellt eindeutig keine Liebe zu sich selbst dar. Er ist ein Ausdruck des Versuchs, die innere Leere wegen mangelnder Selbstliebe und der Liebe in jeglicher Form mit übertriebenen Befriedigungsversuchen zu übertünchen. Der Egoismus ist also keineswegs ein Ausdruck der Einstellung „Ich bin OK.“
Damit ist die andere Seite der Medaille, dass man zu leicht Egoismus an die Stelle der Selbstliebe treten lässt und weder sein Handeln noch sein Denken hinterfragt.
Das zieht die Variante nach sich, dass man gern mit dem Finger auf andere zeigt und das eigene Verhalten übersieht.
Sehr unmissverständlich drückt das der Evangelist Matthäus aus: „Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“ (vgl. Matthäus 7, 3)
Das Thema Liebe (zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst) ist unerschöpflich, man kann es weder mit einem Filmvortrag noch mit Jumi-Artikeln abhandeln. Was man aber tun kann ist, dran zu bleiben und sich immer wieder persönlich mit der Umsetzung des höchsten Gebotes der Liebe zu beschäftigen und gerade in „brenzlichen“ Situationen den Kopf nicht zu verlieren und am besten auch nicht das Herz.
Meister Eckhart** sagt dazu: „Die Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört. Wir brauchen aber die Liebe von Gott nicht zu erbitten, sondern wir müssen uns für sie nur bereit halten.
Ingrid Eifrig
