Ich bin OK, du bist OK
Nach dem am 6. Februar gezeigten Ausschnitt aus dem Vortrag des Bezirksältesten Jörg Richter (Hannover) drängen sich mir einige Gedanken auf. Das Thema des gewählten Ausschnittes war unser Menschenbild.
In dem Ausschnitt von ungefähr 35 Minuten Dauer ging der Bezirksälteste nach den Erläuterungen, wann und wie unser Menschenbild entsteht, auf verschiedene Menschenbilder ein.
Ich gehe hier nur auf das Bild ein, das uns als Christen eigen sein sollte. Das höchste Gebot für uns alle lautet „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. ... Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt. 22).
Das Gebot, Gott zu lieben, war in diesem Fall nicht Thema des Vortrags und ist außerdem so komplex, hintergründig und persönlich, dass es einer eigenen Abhandlung bedarf. Das Gebot, seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst, kann man auch modern in der Haltung „Ich bin OK, Du bist OK“ ausdrücken.
Diese Haltung, die zugegebenermaßen nicht immer einfach zu leben ist, dürfte zumindest theoretisch jedem weitestgehend klar sein: Es wird eine positive Grundeinstellung gegenüber sich selbst und auch gegenüber seinen Mitmenschen ausgedrückt und ausgeübt.
In der Praxis stelle ich fest, dass es abgesehen von den Schwierigkeiten, die Theorie
in die Praxis umzusetzen, auch noch Missverständnisse, was die Bedeutung dieser
Haltung betrifft, gibt. Im Wesentlichen sind es zwei Aspekte, die ich als unverstanden beobachte.
Zum einen geht es um das Missverständnis, das man, wenn man konsequent nach dem Gebot der Nächstenliebe lebt, keinerlei Kritik üben darf und „den Mantel der Liebe“ über alle Missverständnisse breiten muss. Aus Erfahrung wissen wir doch, dass es auf diese Weise nicht dauerhaft funktionieren kann.
Darum geht es bei der o. g. Haltung definitiv nicht, es geht um die Differenzierung
zwischen Mensch an sich und seinem Verhalten. Wir werden nichts an der Tatsache ändern können, dass alle Menschen in ihrer Prägung unterschiedlich sind und es deshalb niemals eine Gleichschaltung der Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken geben kann.
Das ist auch gut so! Daraus ergibt sich aber, dass es gar nicht anders geht, als eine tolerante Haltung dazu zu entwickeln, dass der andere genau die gegensätzliche Position vertritt als ich.
Wenn ich meinen Nächsten liebe, bedeutet das, dass ich ihn als Menschen liebe, ich begegne ihm auf einer Ebene, auf der mich weder sein Handeln noch seine Meinung oder Einstellung davon abhalten können, ihm einen grundsätzlichen Respekt entgegenzubringen.
Auf dieser Basis wiederum ist es überhaupt nicht schwierig, die Differenzen anzusprechen und sie auszuräumen, denn auch ich habe nicht die Wahrheit für mich gepachtet.
Es ist wichtig, dass ich mir klar mache: Nicht trotz dass ich jemanden lieb habe, sondern gerade weil ich jemanden lieb habe, kritisiere ich ihn, wenn ich das nicht tun würde, wäre das eher ein Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber meinem Nächsten.
Natürlich muss das Auseinandersetzen in einer angemessenen Form geschehen,
außerdem muss ich meinem Gegenüber genau zuhören aber auch meine eigenen
Positionen überprüfen, sonst unterwandere ich wiederum das Prinzip der Nächstenliebe.
Bis dahin habe ich mir eine besondere Hausaufgabe gestellt: Ich möchte versuchen mich gemäß Jesu Aussage „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ bei meiner Urteilsbildung zurückzuhalten und zusätzlich nicht nach meinem Nächsten zu suchen, sondern selbst ein Nächster zu sein.
Wenn dabei noch mehr mitmachen, kann sich im Miteinander sehr viel bewegen.
Ingrid Eifrig
