„Golgatha ist keine Zahnpasta"
"Ich will eine Gesellschaft, die Kirche überflüssig macht." Das hat mal jemand gesagt, der bis 2005 Regierungschef des größten mitteleuropäischen Landes war. Glaubt man Peter Hahne und einer ebenfalls von ihm zitierten Trendforscherin, so wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Stattdessen stehe „eine Renaissance existenzieller Wert- und Sinnfragen" bevor, bei der „vor allem der christliche Glaube wieder auf fruchtbaren Boden fallen werde." (S. 37f.)
Das mit seinen rund 140 Seiten gut als Abendlektüre geeignete, Ende 2004 erschienene Buch Hahnes hat polarisiert. Dem Achtungserfolg von rund einer halben Million verkauften Exemplaren und der damit verbundenen wochenlangen Spitzenplatzierung in den Beststellerlisten sowie einer Vielzahl regelrechter Lobeshymnen steht eine große Masse an fast schon vernichtenden Kritiken gegenüber, die, das vermag nun kaum zu überraschen, oft einer politischen Strömung entstammen, für die auch der eingangs zitierte Ex-Regierungschef steht. Hahne drischt verbal regelrecht auf die 68er (Studentenbewegung mit Unruhen 1968 in der BRD) und ihre Ideologie ein. Kein Wunder, dass dies nicht ohne Reaktion bleibt. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) (vom 11.2.05) sieht Christian Geyer darin wohl eine Satire. Doch sie ist, wie der damalige EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, (ideaSpektrum Spezial 2/2004) zutreffend feststellt „flott geschrieben und gut zu lesen". In der Tat schießt Hahne wohl an manchen Stellen übers Ziel hinaus. Kann man einem derart erfahrenen Journalisten dabei Absicht unterstellen? Vielleicht. Das vorliegende Buch ist aus diversen Vorträgen entstanden, die der Autor zu eben diesem Thema gehalten hat. Der Inhalt wurde systematisiert, der – erfrischend pointierte – Vortragsstil aber beibehalten. Gedanklich wird der Leser zunächst auf eine Vielzahl aktueller Probleme aufmerksam gemacht. Interessant wird dies in einen europäischen (Zusammenhang) gestellt („Europa ist kein Kontinent", S. 56ff.). Dabei fällt der Vergleich mit einigen unserer Nachbarn doch bedrückend aus: Während die Iren im Jahresdurchschnitt 38 Gottesdienste besuchten, die Polen 33, und die Italiener 21 seien es in den – tendenziell noch stärker christlich geprägten – alten Bundesländern gerade mal zehn. Entsprechend diagnostiziert Hahne einen Verlust an christlicher Vitalität im Lande. (S. 61). Immer deutlicher wird bereits während dieser Bestandsaufnahme, dass Hahne die Lösung für zahlreiche Probleme in einer konsequenten Hinwendung zum Christentum sieht. „Golgatha ist keine Zahnpasta", klärt er auf (S. 89) und beschreibt, dass in Günther Jauchs Fernsehquiz von zehn Kandidaten keiner in der Lage gewesen sei, die Zeilen des „Vater Unser" in die richtige Reihenfolge zu bringen (S. 90). Konsequent ist darum der Rat, öfter mal wieder in der Bibel zu lesen, zumal diese ohnehin „spannender als Harry Potter" sei (S. 125ff.).
Die Spaßgesellschaft, zu deren gefährlichsten Wirkungen der Verlust des Ernstes zähle, überführt Hahne als Lebenslüge (S. 130). Ernst und Spaß sieht er, richtig dosiert, keineswegs als Gegensätze (S. 131). Bei seiner Grundforderung jedoch bleibt der Autor hart: Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit – „wenn die Spaßgesellschaft geht, kommt dieses Wertegefüge wieder zurück." (S. 132) Die zahlreichen politischen Forderungen Hahnes lassen sich aus einer christlichen Perspektive durchaus teilen. Das Echo auf sein kraftvolles Plädoyer für eine Rückbesinnung auf christliche Werte in der modernen Gesellschaft zeigt: Die Kirche ist alles andere als überflüssig – und viele denken genauso.
Hahne, Peter: „Schluß mit lustig". Das Ende der Spaßgesellschaft. St. Johannis Druckerei, Lahr/Schwarzwald 2004. 143 S., geb. ISBN-10: 3501051808; ISBN-13: 978- 3501051801. 9,95 Euro.
