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Werte in Zeiten des Umbruchs  - jugend-mittendrin.de

Werte in Zeiten des Umbruchs

(29.01.2011)

„Auf welchen Fundamenten leben wir eigentlich? Was trägt unsere Gesellschaften und hält sie zusammen? Wie finden wir die moralischen Grundlagen und dann auch die motivierenden Kräfte für moralisches Handeln […]?“ Damit skizziert Benedikt XVI., damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, im Vorwort die Grundfragen, denen er sodann auf den folgenden knapp 150 Seiten nachgeht.

Nebenbei sei verraten: Es handelt sich nicht um das Vorwort, aus dem Stammapostel Dr. Wilhelm Leber im Pfingstgottesdienst 2007 zitiert hat. Gemeint hatte der Stammapostel das jüngste Werk des Papstes mit dem Titel „Jesus von Nazareth“, das Mitte April 2007 im Herder-Verlag erschienen ist (ISBN: 978- 3-451-29861-5).

Buchlektüre ist geistige Arbeit

„Werte in Zeiten des Umbruchs“ ist kein Buch, das als geschlossenes Werk konzipiert war. Vielmehr handelt es sich um eine anspruchsvolle Sammlung von Vorträgen und Diskussionsbeiträgen, in denen Grundfragen unserer Zeit thematisiert werden. Inhaltlich sind die einzelnen Beiträge insgesamt drei Kapiteln zugeordnet. Jeder Beitrag stellt hohe Anforderungen an den Leser - wer auf der Suche nach leichter Kost für den Geist ist, nun ja, der braucht im Grunde nicht weiter zu lesen. Die Lektüre des Buches erfordert Konzentration und Zeit zum Nachdenken. Manche Stellen wird man mehrmals lesen müssen, um sie zu verstehen. Belohnt wird man mit einem nachhaltigen Erkenntnisgewinn.

Grundwerte dürfen auch für Mehrheiten nicht disponibel sein

Das erste Kapitel trägt den Titel „Politik und Moral“. Es gebe, stellt Ratzinger gleich am Anfang fest, einen „veränderten Wertekanon“, der zwar unbestritten, aber dafür auch vielfach unbestimmt sei (S. 25). Den Leser von Schritt zu Schritt führend, arbeitet der Autor einige der für ihn zentralen Werte heraus. Einen hohen Stellenwert räumt er dem Schutz des Lebens ein, besonders dem Leben, das noch ungeboren ist. Vehement verwahrt er sich gegen ein Freiheitsrecht auf Abtreibung und Menschenversuche an Ungeborenen. Dabei werde „die Würde des Menschen in den Wehrlosesten geleugnet und getreten“ (S. 26). Er tritt deshalb für einen Grundbestand an Werten ein, die auch gegenüber dem Willen der Mehrheit im demokratischen Staat unverfügbar sind (wie z.B. die Menschenwürde). Denn: „Wenn die Mehrheit […] immer Recht hat, dann muss das Recht mit Füßen getreten werden.“ (S. 58). Als Beispiel führt er Pilatus an, der, mit dem Willen des Volkes (oder: Volkszorns?) konfrontiert, Christus, obwohl schuldlos, schuldig sprechen musste. Auch auf den Auftrag der wesensgemäß vom Staat getrennten christlichen Kirchen kommt Ratzinger zu sprechen, nämlich „die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen.“ (S. 47). Den jedenfalls nach der bekannt gewordenen Regensburger Vorlesung gegen ihn erhobenen Vorwurf der Islamfeindlichkeit entkräftet Ratzinger gleichsam im Vorübergehen indem er anerkennt, dass im islamischen Kulturkreis „vom fanatischen Absolutismus eines Bin Laden“ ein weiter Bogen hin zu Positionen, „die einer toleranten Rationalität offen stehen“ reiche (S. 37). Vielmehr diagnostiziert er für die säkulare Vernunft der westlichen Welt, dass diese durchaus an Grenzen stößt: „Ihre Evidenz ist faktisch an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden.“ (S. 38).

Kultureller Dialog erfordert Kenntnis der eigenen Grundlagen

Im zweiten Teil des Buches („Was ist Europa? Grundlagen und Perspektiven") wendet sich Ratzinger dem Thema Europa zu. Der kulturelle Kontext spielt auch hier eine wichtige Rolle. Zunächst beobachtet wachsendes Bewusstsein dafür, dass es neben der Wirtschaftsgemeinschaft auch einer gemeinsamen Wertegrundlage bedarf. (S. 84). Worin er diese sieht, daraus macht der heutige Papst kein Geheimnis. Im Gegenteil: An Deutlichkeit fehlt es seiner Darstellung sicher nicht. Eine klare Position nimmt er beispielsweise zum Thema Ehe und Familie ein. Hetero und monogam soll sie sein: „Die monogame Ehe ist als grundlegende Ordnungsgestalt des Verhältnisses von Mann und Frau zugleich als Zelle staatlicher Gemeinschaftsbildung vom biblischen Glauben her geformt worden.“ (S. 86). Für das Miteinander von Mann und Frau fordert Ratzinger eine rechtliche Form (gemeint ist die Ehe) ein, zugleich verwahrt er sich gegen Gleichstellung homosexueller Gemeinschaften. Dabei warnt er vor den „äußerst gravierenden“ Folgen einer möglichen Auflösung dieses Menschenbildes (S. 87). Immer wieder fordert Ratzinger Werte, Konstanten, Bezugspunkte. Die Vielfalt kulturellen Miteinanders lehnt er keinesfalls ab, warnt aber vor den darin liegen- den Gefahren: „Multikulturalität ist manchmal vor allem Absage an das Eigene.“ (S. 88). Damit meint er: Wer mit anderen Kulturen in Dialog treten will, sie integrieren will, muss sich über die eigenen Grundlagen im Klaren sein. Dann führt „Multikulturalität wieder zu uns selber zurück.“ (S. 88).

Nicht-Sehen göttlicher Wahrheit ist Schuld

Das dritte Kapitel schließlich trägt den Titel „Verantwortung für den Frieden“. Die individuelle Verantwortung des Menschen manifestiert sich gleichsam in dessen Gewissen. Anhand des biblischen Beispiels von dem Zöllner und dem Pharisäer aus dem Lukasevangelium arbeitet sich Ratzinger zu einer der theologischen Kernaussagen seines des Buches vor: „Der Mensch kann die Wahrheit Gottes aufgrund seines Geschöpfseins sehen. Sie nicht zu sehen ist Schuld. Sie wird nicht gesehen, wenn und weil sie nicht gewollt wird. Dieses Nein des Willens, das die Erkenntnis hindert, ist Schuld.“ (S. 106). Trotz der geradezu bestechenden Klarheit seiner Aussagen, versteht sich Ratzinger auf den Rückzug ins Abstrakte, wenn der direkte Fingerzeig politisch doch zu heikel wäre. Ein Beispiel hierfür sind seine Ausführungen zum Thema Terrorismus. Auf die Feststellung, dass absoluter Pazifismus ohne die Möglichkeit der Durchsetzung des Rechts einer Kapitulation vor dem Unrecht gleichkäme, folgt der Hinweis, „dass nicht eine bestimmte Macht allein als Wahrer des Rechts auftritt.“ Zu leicht könnten eigene Interessen den Blick auf die Gerechtigkeit verunreinigen (S. 129). Jeder versteht an dieser Stelle sofort, was und wer gemeint ist - ohne dass eine konkrete Bezeichnung genannt werden muss.

Gottes Bild in jedem Menschen erkennen

Und schließlich kommt er gegen Ende auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen. Das Verhältnis von Glaube und Vernunft (siehe hierzu auch den Beitrag „Im Anfang war der Logos“). Die Gefährdung der Religion sieht Ratzinger in der Möglichkeit des Missbrauchs des Begriffs Gottes; eine von Gott völlig losgelöste Vernunft bezeichnet er als orientierungslos. „Nur eine Vernunft, die auch für Gott offen ist […], kann dem Missbrauch des Gottesbegriffs […]entgegenwirken.“ (S. 133). Reinem Fortschrittsglauben und Relativismus erteilt Ratzinger eine Absage. Ein geistiger Kosmos ohne festes Bezugssystem führt für ihn hin zu einem ethischen Nihilismus. (S. 112). Bezeichnenderweise nimmt er Bezug auf Hans Küng, wenn er dem Leser darlegt, dass es ohne „rechten Frieden zwischen Vernunft und Glaube auch keinen Weltfrieden geben kann.“ (S. 130) Und weiter: „Ohne neue Besinnung auf den Gott der Bibel […] werden wir den Weg zum Frieden nicht finden.“ (S. 137) Die Christen haben dabei eine ganz konkrete Verantwortung für den Frieden. Damit verbindet Ratzinger eine Aufgabe für jeden einzelnen, die zugleich das Gebot christlicher Nächstenliebe präzise umschreibt: „In jedem Menschen müssen wir lernen, Gottes Bild zu erkennen, wie fremd oder unsympathisch er uns auch erscheinen mag. In jedem sollen wir auch den Partner des künftigen Lebens erkennen, dem wir auf der anderen Seite der Welt wieder begegnen werden.“ (S. 139)

"Gott ist immer in Hörweite"

Der Erinnerung an das Gebot der Nächstenliebe folgt außerhalb der Einteilung in die drei Kapitel als „Ausklang“ die Erinnerung an Liebe Gottes, die sich dem Menschen in der göttlichen Dreifaltigkeit offenbart. Wo angesichts der Schrecknisse in der Welt immer wieder die Frage laut wird, ob es einen Gott gebe und ob dieser gutartig sei, ob seine Allgegenwart nicht gar etwas bedrohliches hätte, begegnet Ratzinger diesen Gedanken mit der Überzeugung, dass in der Gegenwart Gottes die Rettung des Menschen liegt. Der Glaube an Gott hat dabei etwas ungemein Tröstliches: „Gott […] ist immer in Hörweite. Durch Taufe und Firmung gehören wir zu seiner Familie. Er ist immer auf Empfang.“ (S. 150).  


Benedikt XVI./Joseph Kardinal Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs - Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Herder Verlag, 160 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-451-05592-8. Preis: 8,90 Euro.


sl