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Wort zum Monat August  - jugend-mittendrin.de

Wort zum Monat August

(01.08.2011)

"Als ich den Herrn suchte, Antwortete er mir." (Ps. 34, 5) Die Suche nach Gott, dem Herrn, lohnt sie sich, kann man ihn finden? ...

Die Suche nach Gott.

"Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir." (Ps. 34, 5). Der Bibeltext auf dem NAKI-Monatsplakat für August 2011 weckt Erinnerungen an das bei Kindern - zumindest früher - beliebte Spiel "Ich sehe was, was du nicht siehst." Der Suchende wurde mit den Hinweisen "warm" und "kalt" sowie ihren Steigerungsformen bei seiner Aktivität unterstützt.

Bei der Erschließung von Ps. 34, 5 ist es hilfreich, noch einen Moment in diesem Bild zu bleiben. Hier gibt es zwei Akteure: Gott und den Menschen. Der Mensch sucht, Gott gibt die Hinweise. Nun wäre es zu einfach, könnte man den Hinweisgeber durch Ermittlung der Schallrichtung orten. Denn eine präzise Ortung wird in diesem besonderen Fall dadurch erschwert, dass Gott ja eigentlich überall ist. Egal wohin der Mensch blickt oder geht: Es könnte eigentlich immer "warm", "wärmer", ja sogar "heiß" sein.

Nun kann diese Szene gedanklich konserviert werden und man in der Betrachtung einen Schritt zurücktreten. Der Befund ist dann manchmal erschütternd: "kalt", "kälter" und "eiskalt". Die Suche nach Gott kann nämlich auf drei Arten betrieben werden. Zwei davon führen von Gott weg.

Der erste der kalten Wege, die den Menschen von Gott entfernen, besteht darin, Gott gerade nicht sehen zu wollen. In ein modernes Weltbild passt Gott angeblich nicht mehr hinein. So wird gesucht und geforscht mit dem erklärten Ziel, die Annahme von der Existenz Gottes zu widerlegen. In einem wenig erfreulichen Sinne kultiviert wurde dies von einer Strömung, die als naturalistischer Atheismus zu umschreiben ist und die sich einer hohen zeitgeistigen Popularität erfreut.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung damit ist nicht Gegenstand dieses Beitrages. Man muss den naturalistischen Atheismus von einem philosophischen Atheismus und dem Agnostizimus (verkürzt dargestellt die Auffassung, dass ein Beweis für die Existenz Gottes ebenso wenig erbracht werden kann wie für seine Nichtexistenz) unterscheiden. Das Spannende am Agnostizismus ist, dass man sich dieser Position als Christ ebenso anschließen kann, wie als Atheist.

Bislang ist es dem zeitgeistigen naturalistischen Atheismus nicht gelungen, mithilfe der Naturwissenschaften einen Beweis für die Nichtexistenz Gottes zu erbringen. Manchmal führt naturwissenschaftliche Forschungstätigkeit auch zu neuen Einsichten. Der Physiker und Träger des Romano-Guardini-Preises, Werner Karl Heisenberg: "Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."

Die Pfiffikusse unter den naturalistischen Atheisten haben sich einen Kniff einfallen lassen. Sie erfanden einfach - Stichwort: Russells Teekanne - eine Beweislastregel, die in etwa besagt: Wer behauptet, dass es Gott gibt, muss das beweisen und nicht etwa, wer behauptet, dass es keinen Gott gibt. Zugegeben, ginge es darum, Gott zu beweisen, müsste man diesen Ansatz diskutieren. In Wahrheit ist das aber ein raffinierter Trick, um den Gottesglauben zu diskreditieren. Dabei würde kein seriöser Theologe ernsthaft behaupten, er könne die Existenz Gottes beweisen. Man spricht ja auch von Glaubensbekenntnis und nicht von Wissensbekenntnis. Es liegt in der Natur der Sache, dass es hier keine Beweislastregel geben kann. Zu sagen "ich glaube" ist eine Entscheidung für eine spezifische Weltsicht und keine Beweisbehauptung. Deshalb darf z. B. Bertrad Russell glauben, dass es keinen Gott gibt und hat die Freiheit die Forschung nach einem Beweis zu unterstützen, während ein Christ weiter an Gott glauben kann, ohne dafür einen Beweis schuldig zu sein.

Ein Gutes, sowohl in seiner letzten Endes banalen naturalistischen Ausprägung, noch mehr aber seiner philosophischen Spielart, hat der Atheismus: Er hält den Religionen von Zeit zu Zeit den Spiegel vor und kann ein Bewusstsein für fundamentalistische Auswüchse schaffen, die mit einem ernst zu nehmenden Glaubenssystem nicht mehr viel zu tun haben. Davon ist auch das Christentum betroffen: Nicht nur in der Vergangenheit haben Intoleranz, blinder Fanatismus und die Unfähigkeit bestehende Meinungen im Lichte einer kritischen Wahrheitsreflexion zu prüfen und vorwärts zu entwickeln, dazu geführt, dass bei der Suche die Hinweise "kalt" oder "kälter" lauten müssten. Das ist aber die unvermeidliche Konsequenz, wenn das Evangelium nicht unverrückbar im Zentrum steht und als verbindlicher Maßstab angesehen wird. Anders gewendet: Gott wird sich dort vorgestellt, wo es einem gerade passt.

Das ist wie mit dem Alkohol in einer kalten Winternacht. Er weitet die Blutgefäße, ein Wärmeempfinden ist die Folge, während man in Wirklichkeit umso schneller erfriert. Wer sich an einem Glaubensmix aus ein wenig Evangelium und viel selbst zusammengeschusterter Lehre berauscht, erfriert geistig, wähnt sich in der heißen Sauna, während sich an der Nase schon Eiszapfen bilden.

Diese Gefahr ist dann besonders groß, wenn Glaube und Vernunft als Gegensätze angesehen werden. Während damit nebenbei die Gottesebenbildlichkeit des Menschen geleugnet wird, gibt sich der Betroffene mit Antwortschablonen zufrieden. Der christliche Glaube lebt aber vom Nachdenken, von der Kritik und sogar vom Zweifel. Die Antworten auf der Suche nach Gott mögen aus dem Glauben können, die entsprechenden Fragen aber werden vom Zweifel formuliert. Ohne Fragen keine Antworten, ohne Zweifel kein echter Glaube.

Das klingt ein wenig bitter. Kann ein Mensch denn keine Gewissheit über so grundsätzliche Fragen des Daseins erlangen? Es ist emotional unbefriedigend hinnehmen zu müssen, dass es unverbrüchliche Sicherheit im Glauben wie im Unglauben nicht geben kann. Allerdings existiert der Mensch in genau dieser Spannung, und dies anzunehmen ist ein Zeugnis geistiger Reife. Sich im Zweifel immer wieder neu für den Glauben zu entscheiden, das ist die immer wiederkehrende Aufgabe.

Ein Vernunftstreben, das nicht offen ist für die tieferen (auch spirituellen) Einsichten des Glaubens führt ebenso von Gott weg wie ein Glaube, der sich weigert, die reinigende Kraft der Vernunft wirken zu lassen. Während es im ersten Fall noch gewollt ist, die Distanz zu Gott zu vergrößern und dabei mitunter das Gegenteil erreicht wird, wähnt man sich im zweiten Fall, der insofern als der schwerwiegendere erscheint, Gott so viel näher als die anderen Gläubigen, dass man überhaupt nicht wahrnimmt, wie die Distanz zunimmt. Damit sind die beiden nicht empfehlenswerten der drei Arten des Suchens nach Gott aufgezeigt.

"Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir." Im lateinischen Bibeltext, der Vulgata, steht an dieser Stelle das Verb "exquirere" und das bedeutet so viel wie "erforschen", "ermitteln", "erfragen". Während die Lutherübersetzung 1984 sodann von "antworten" spricht, steht in der Vulgata "exaudire" - also "vernehmen" oder "erhören".

Das menschliche Suchen wird von Gott wahrgenommen. Wenn der Mensch sich Gott zeigen will, ihm vermitteln will" Herr, hier bin ich" (Jes. 6, 8), muss er suchen. Es mag paradox klingen, aber im Suchen liegt das Finden; nicht als ungewisser Ausgang, sondern als ein stetes Finden, solange die Suche andauert.

Klar ist man an ein gewisses Glaubenssystem gebunden. Aber Aussagen wie "ich/wir glaube(n) das halt" können nicht zählen. Die Fragen "überzeugt mich das?", "hat das eine gewisse Plausibilität?" und besonders "stimmt das mit den Aussagen des Evangeliums überein?" müssen immer wieder neu gestellt und positiv beantwortet werden. Zu einem Glauben nach dem Motto "friss oder stirb" sollte man maximale Distanz wahren. Davon zu kosten vergiftet den gesunden Menschenverstand. Und das wäre ziemlich dumm, weil man den für die richtige Suche nach Gott dringend braucht.

Der Beitrag des Menschen besteht also im Erforschen und Erfragen, was Gott mit unendlichem Wohlwollen sieht. Doch wie geht das? Hier ein paar Glaubensaussagen, die sowohl überzeugend sind, als auch plausibel, als auch in Übereinstimmung mit dem Evangelium. Sie stammen aus der Enzyklika "fides et ratio", die Papst Johannes Paul II. im Jahr 1998 veröffentlicht hat:

"Glaube und Vernunft (fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, daß er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne. [...] Diese "Wahrheit", die uns Gott in Jesus Christus offenbart, steht nicht im Widerspruch zu den Wahrheiten, zu denen man durch das Philosophieren gelangt. Die beiden Erkenntnisordnungen führen ja erst zur Wahrheit in ihrer Fülle. Die Einheit der Wahrheit ist bereits ein grundlegendes Postulat der menschlichen Vernunft, das im Non-Kontradiktionsprinzip ausgedrückt ist. Die Offenbarung bietet die Sicherheit für diese Einheit, indem sie zeigt, daß der Schöpfergott auch der Gott der Heilsgeschichte ist. Ein und derselbe Gott, der die Verstehbarkeit und Vernünftigkeit der natürlichen Ordnung der Dinge, auf die sich die Wissenschaftler vertrauensvoll stützen, begründet und gewährleistet, ist identisch mit dem Gott, der sich als Vater unseres Herrn Jesus Christus offenbart. Diese Einheit von natürlicher und geoffenbarter Wahrheit findet ihre lebendige und personale Identifikation in Christus, worauf der Apostel anspielt: »Die Wahrheit ist in Christus« (vgl. Eph. 4, 21; Kol. 1, 15-20). [...] Der Glaube verlangt, daß sein Gegenstand mit Hilfe der Vernunft verstanden wird; die Vernunft gibt auf dem Höhepunkt ihrer Suche das, was der Glaube vorlegt, als notwendig zu."

Christlicher Glaube lebt vom Fragen-Stellen, manchmal auch vom Infragestellen von Bekanntem, vom intensiven Beten und Nachdenken, um zu neuen Fragestellungen vorzudringen. Es geht darum, die Wahrheit des Glaubens mit unstillbarem Wissensdurst zu ergründen und keine Antwort, egal ob selbst gefunden oder angeboten, als letztverbindlich zu betrachten. "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?" (Ps. 42, 2.3)


Steffen Liebendörfer