Möge die Kraft mit Dir sein - Wort zum Monat September
"Dein ist die Kraft." - So lautet das Motto des Mitteldeutschen Jugendtages 2011 in Erfurt. Statt des sonst üblichen "Wortes zum Monat" gibt es im September zur Einstimmung und Vorbereitung auf dieses Ereignis einen Beitrag mit Gedanken zum Jugendtagsmotto.
Im Rahmen der Bergpredigt, der umfangreichsten der überlieferten Reden von Jesus Christus, hat er das Vaterunser gelehrt. In vielen christlichen Gottesdiensten ist dieses Gebet fester Bestandteil der Liturgie und wird üblicherweise von der Gemeinde gemeinsam gesprochen. Es endet mit einem Lobpreis Gottes: "Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit." (Mt. 6,13b)
Dabei handelt es sich um eine sog. Doxologie (gr. doxa = Herrlichkeit und logos = Wort), um eine Artikulation der Verherrlichung Gottes. In der Überlieferung nach dem Lukasevangelium (Lk. 11,1-4) fehlt der abschließende Lobpreis ebenso wie in einem Teil der Handschriften des Matthäusevangeliums. Mit der Schlussdoxologie knüpft das Vaterunser in seiner gebräuchlichen Form an die Tradition jüdischer Gebete an, die ohne sie gar nicht vorstellbar sind. Es ist also wahrscheinlich, dass die frühen Christen - einen entsprechenden Hinweis gibt es in 2.Tim 4,18 - diese Praxis übernommen haben. Für die Übernahme dieses Elements aus der jüdischen Gebetstradition spricht auch, dass das Vaterunser bereits eine Doxologie enthält, die am Anfang steht. Die Schlussdoxologie im Vaterunser geht inhaltlich vermutlich auf 1.Chr. 11,29f. zurück - auf den Lobpreis des Königs David nach der Vollendung des Tempelbaus: "Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht zum Haupt über alles. Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen." Doxologien sind in christlichen Gebeten keine Seltenheit, sie kommen beispielsweise im "Gloria Patri" (Ehre dem Vater) oder dem Hochgebet in der Messe bei der Feier Eucharistie vor.
Die Schlussdoxologie im Vaterunser ist dreigliedrig: Reich, Kraft und Herrlichkeit. Eine ähnliche dreigliedrige Doxologie findet man in der Offenbarung: "Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Kraft sind unseres Gottes!" (Offb. 19,1). Das Jugendtagsmotto stellt die Kraft ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Wer spricht "Dein ist die Kraft" erkennt damit zunächst einmal die Kraft Gottes an und realisiert, dass der Mensch eigentlich gar keine eigene Kraft hat. Jede am, im und vom Menschen wirkende Kraft hat einen Ursprung. In "Dein ist die Kraft" steckt das Bekenntnis, die eigene Kraft von Gott beziehen zu wollen und nicht etwas von Mächten, die ihre Kraft darauf richten, den Geist des Menschen von seinem Urquell abzuziehen.
Die bewusste Anerkennung der Kraft Gottes, die seit dem Urknall sichtbar und unsichtbar im Universum wirkt, ist wichtig; damit werden die Relationen in der kosmischen Ordnung deutlich: Hier das Geschöpf, das es trotz aller Anstrengung bislang noch nicht einmal aus dem eigenen Sonnensystem heraus geschafft hat - und nicht etwa dort irgendwo, sondern überall Gott, dem ein Wort gereicht hat, um das alles zu erschaffen und der am Ende einen Ruhetag eingerichtet hat. Ein Ruhetag nicht für sich, sondern für den Menschen, damit dieser emporblicken und schon allein aus der Verherrlichung Gottes - auf welche Gott nicht angewiesen ist - neue Kraft schöpfen kann. Dass im Schöpfungsbericht nachzulesen ist, Gott habe sich am siebten Tage ausruhen müssen, liegt wohl daran, dass Gott in diesem Punkt zu sehr vermenschlicht wird und der Verfasser sich offensichtlich nicht vorstellen konnte, dass Gott nach dieser Anstrengung nicht mal "die Beine hochlegen" muss.
Dagegen steht im Matthäusevangelium: "Ihr kennt die Kraft Gottes nicht!" (Mt. 22,29) Die Manifestationen von Macht und Kraft Gottes in der Schöpfung sind selbst aus heutiger gewaltig und imposant. Doch zeigen sie nur einen Bruchteil der Kraft Gottes. Um mehr davon zu sehen als nur kosmische Kraftmeierei, bedarf es eines Perspektivwechsels, der den Blick für die subtileren Wirkweisen öffnet.
Dann richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine - nur scheinbare - Paradoxie, nämlich auf die Kraft, die sich in der Ohnmacht Christi am Kreuz zeigt. Wie viel Kraft das Vollbringen des Opfers und der Weg dorthin Christus gekostet haben mag, ist aus der Passionsgeschichte zu erahnen. Und es ist ja nicht so, dass er dabei von den Menschen besonders viel Zuspruch und Kraft bekommen hätte. Im Gegenteil: Praktisch auf den letzten Metern seines Weges war er Verrat und Verleugnung durch engste Weggefährten ausgesetzt. Und für jeden einzelnen Menschen hat er sich ans Kreuz heben lassen. Ohne eine einzige Sünde und in die Welt gekommen, um die Menschheit zu retten, musste Jesus den grausamen Tod eines Schwerverbrechers sterben. Er hätte jederzeit abbrechen können. Was für ein Kraftakt!
Man darf annehmen, dass in der Stunde des Todes Jesu viele seiner Anhänger gedacht haben, dass es nun vorbei sei. Dabei ging es ab da erst richtig los. Es folgte die Überwindung des Todes in der Auferstehung, mit der die Geschichte neu geschrieben wurde: "Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, dass Christus von den Toten auferstanden ist. [...] Nur wenn Jesus auferstanden ist, ist wirklich Neues geschehen, das die Welt und die Situation des Menschen verändert", schreibt dazu Papst Benedikt XVI. in einem im Frühjahr 2011 erschienenen Buch. Beide, Tod und Auferstehung, zeigen in ihrem Zweck die Motivation des göttlichen Krafteinsatzes, nämlich die Liebe zu den Menschen.
Nun gut, hier hat also eine Kraft gewirkt, die den Tod überwunden und dem Menschen die Chance neuer, versöhnter Nähe mit Gott eröffnet hat. Aber was hat man davon im Jahr 2011, außer vielleicht, dass es einen verlässlichen Weg zur Befreiung von Schuld und Sünde gibt? Das ist kolossal und schon weitaus mehr, als ein Mensch aus eigener Kraft erreichen könnte - doch irgendwie ist das für die konkrete Lebenssituation, in der jeder Einzelne steht, manchmal etwas diffus und wenig greifbar. Abgesehen davon wirkt die Kraft Gottes nicht erst dann, wenn der sprichwörtliche Karren mal wieder aus dem Dreck gezogen werden muss.
Im Brief an die Gemeinde Ephesus ist zu lesen: "Ihr sollt erfahren, mit welch unermesslich großer Kraft Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Ist es doch dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte und ihm den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab! Mit ihr hat Gott ihn zum Herrscher eingesetzt über alle Mächte und Gewalten, über alle Kräfte und Herrschaften dieser und der zukünftigen Welt." (Eph. 1,19-21; Übersetzung: Hoffnung für alle) Die Kraft, die Christus zum Aushalten tiefsten Leides und Schmerzes verholfen hat, aber mindestens gleichermaßen seine Auferstehungskraft, wirken im Glaubenden. "Obwohl er schwach am Kreuz starb, lebt er jetzt durch die Macht Gottes. Auch wir sind schwach in ihm, aber wir leben mit ihm und haben Gottes Kraft, die sich euch gegenüber zeigt." (2.Kor. 13,4; Übersetzung: Neues Leben) Der inwendige Mensch ist der Ort, an dem die Kraft Gottes heute ihre Wirkung entfaltet. Das griechische Wort für Kraft lautet Dynamik. Im Bedeutungswörterbuch steht zum Stichwort Dynamik: "Auf Veränderung, Entwicklung gerichtete Kraft (in etwas)."
Wer die Kraft Gottes spüren will, der muss zulassen, dass sie einen verändert, dass sie von innen her auf die Einstellung zum und die Gestaltung des Lebens wirkt. Zwischen "Dein ist die Kraft" und "Dein Wille geschehe" existiert ein enger Zusammenhang. Damit die Kraft wirken kann, bedarf es der Einwilligung des Menschen dazu - denn dieser hat seinen freien Willen. Dieser freie Wille ist ein göttliches Gesetz, das Gott wohl aus einer Art freiwilliger Selbstbindung respektiert. Solche Freiheit ist ein Element der Gottesebenbildlichkeit. Hätte Gott nur Marionetten gewollt, dann hätte er die erschaffen und nicht den Menschen. Gott bricht den Willen des Menschen nicht. Der Mensch kann der Kraft Gottes widerstehen. Nicht prinzipiell, sondern weil im Geschenk der Freiheit die Möglichkeit liegt, sich gegen Gott zu entscheiden. Es mag modern sein, sogar ein falsches Zeugnis von Aufgeklärtheit und Stärke, sich des Religiösen und des Glaubens an Gott zu entledigen. Religion - das ist etwas für die Schwachen, für die Dummen, für die Infantilen; man könnte auch sagen: "Mein ist die Kraft." Das Problem ist, dass die negativen Konsequenzen einer solchen Einstellungen oft, zumindest nach außen hin, gar nicht sichtbar werden. Dass es den Gottlosen - scheinbar - rein weltlich betrachtet oft gut geht, ist kein Geheimnis (Ps. 73,3).
Wer seine eigene Schwachheit einsieht, seinen Platz in der höheren Ordnung der Dinge kennt, dem wird daraus neue Kraft erwachsen. Die Idee von Kraft in Schwachheit ist besonders in den beiden Korintherbriefen des Apostels Paulus entfaltet (s. nur 2.Kor. 12,10). Die Bedeutung dessen erschließt sich nicht so ganz einfach. Ein Annäherungsversuch: "Die meisten Menschen nutzen nur fünf bis sechs Prozent ihrer Gehirnkapazität", das soll der berühmte Physiker Albert Einstein gesagt haben. Die allgemeine Lebenserfahrung zeigt, dass dies den meisten Menschen offenbar reicht, bei einzelnen Zeitgenossen erscheint die Schätzung Einsteins auch etwas großzügig. Von sich selber sagte Albert Einstein angeblich, dass er sieben Prozent seiner Gehirnkapazität nutze. Schon dieses eine Prozent mehr hat ihn wahrnehmbar herausragen lassen.
Kraft in Schwachheit, das ist die Aufforderung zum Einsatz des ganzen Potenzials, das Gott in den Menschen hineingelegt hat und immer wieder neu hineinlegen möchte. Aus eigenem Vermögen lässt sich davon nur ein Bruchteil nutzen. Wer die volle Kraft nutzen will, also hundert Prozent, der muss die Schnittstelle zum Schöpfer aktivieren. Äußerlich mag das als Schwäche missverstanden werden, aber es gibt Überlegenheit von innen heraus, aus dem Wissen darum, den Willen desjenigen zu tun, von dem alles kommt und zu dem alles hingeordnet ist. "Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden." (Jes. 40,31)
Damit die Kraft Gottes in und aus dem Menschen heraus wirken kann, ist es erforderlich, sich dem Herrn zur Verfügung zu stellen. Dazu hat Stammapostel Dr. Wilhelm Leber ausgeführt: "Sich dem Herrn zur Verfügung stellen, das kann jeder tun. Das ist nicht an ein bestimmtes Amt gebunden. Jeder kann da etwas einbringen und dann kann der Herr wirken und aus uns etwas machen. Wir ahnen oftmals gar nicht, was der Herr dann aus uns machen kann. Ich wünsche mir, dass wir immer wieder bestrebt sind, uns dem Herrn zur Verfügung zu stellen."
Eine Blaupause dafür, wie das funktioniert, gibt es nicht. Hier ist jeder aufgefordert, mit Gottes Hilfe seine eigene Form des Dienstes zu finden. Die kreative Kraft Gottes kann einen dazu drängen, mit überkommenden Konventionen zu brechen und neue Wege zu suchen. Das darf kein Selbstzweck sein, sondern soll der Erfüllung des Willens Gottes, den es zu ergründen gilt, dienen. Immer wieder neu gilt es dazu den Sprung in den Glauben zu wagen und sich auf eine Erweiterung des eigenen Horizonts einzulassen. Menschliche Ideen für den Krafteinsatz bleiben doch nur weit hinter dem zurück, was Gott mit dem Glaubenden vorhat: "Durch die mächtige Kraft, die in uns wirkt, kann Gott unendlich viel mehr tun, als wir je bitten oder auch nur hoffen würden." (Eph. 3,20; Übersetzung: Neues Leben)
Die wichtigste und einzige unerlässliche Stütze, die der Mensch zur Erschließung göttlicher Kraft hat, ist das Evangelium. Es ist die frohe Botschaft von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Gottes in Jesus Christus zum Heil der Menschen. Auf alle Anleitungsversuche zur Ergründung göttlicher Wahrheit und göttlichen Willens kann verzichtet werden, auch wenn sie hilfreich sein können, nicht aber auf das Evangelium. Aus dem Evangelium kann man Kraft schöpfen und durch den Glauben daran selig werden, wie schon der Apostel Paulus schreibt: "Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben." (Röm. 1,16)
